Bericht über meine Stammzellenspende
2003 habe ich mich bei der DKMS (Deutschen Knochenmarkspenderdatei) registrieren lassen. Damals wurde für einen kleinen, leukämiekranken Jungen, ein passender Spender gesucht und ich ließ mir Blut abnehmen und in die Datei der DKMS aufnehmen. 2005 wurde ich von der DKMS dann das erste Mal angeschrieben und mein Blut wurde ausgiebiger typisiert, damals kam ich als Spender allerdings nicht in Frage. Vor einigen Wochen jedoch erhielt ich erneut ein Schreiben, in dem ich um eine Stammzellenspende für einen anderen, kranken Patienten gebeten wurde.
Die Voruntersuchung (EKG, Ultraschall, Blutuntersuchungen etc.) verläuft positiv, ich bin gesund und munter, alle Organe sind an ihrem Platz, und am heutigen Donnerstag, den 5. Juni 2008, geht es dann los ...
Tag 1
Heute ist es soweit: Ich beginne mich, auf die am Montag stattfindende Stammzellenspende vorzubereiten. Wie sieht diese Vorbereitung aus? Man hat mir vom Deutschen Roten Kreuz am Tag meiner Voruntersuchung neun Packungen mitgegeben, die jeweils ein Medikament enthalten, welches ich mir selbst - oder von jemand anderem - morgens und abends spritzen muss. Zu allererst einmal stellt sich für mich die Frage, wie ich dies mit meiner Arbeit sowie den Fahrten von und ins Büro zeitlich vereinbaren kann, da zwischen der morgendlichen und der abendlichen Spritze genau 12 Stunden liegen müssen. Ich entscheide mich, mir das Medikament morgens um 10:00 Uhr im Büro zu spritzen, damit ich abends etwas flexibler bin - den Gedanken beim Rattern eines Regional-Expresses mir eine Spritze auf der Zugtoilette zu setzen, finde ich nämlich nicht sonderlich prickelnd.
Meine Lieblingskollegin Steffi entpuppt sich - trotz ihrer Phobie vor Spritzen - als große Hilfe, da mir um kurz vor 10:00 Uhr schon schlecht wird und ich auf einmal mächtig Bammel vor der ganzen Sache bekomme. Aber wie meint sie? "Du hast Dich entschlossen ein guter Mensch zu sein, also zieh's jetzt auch durch!" Und das tue ich dann auch. Während Steffi in bester Krankenhausmanier (meine "Pöbelschwester" hat ihren Beruf verfehlt! *grins*) desinfiziert, das Medikamentenpulver mit Flüssigkeit mischt und Kanülen tauscht, sitze ich etwas blass auf dem Toilettendeckel und harre der Dinge, die da kommen. Aber nein, spritzen darf ich mich dann selbst - soweit reicht die Freundschaft von Kollegin zu Kollegin dann wohl doch nicht! ;) Irgendwie tut es dann doch nicht so wirklich weh, aber die Überwindung, die Spritze anzusetzen und mir in die Bauchdecke zu schieben, verursacht arg zittrige Knie bei mir. Aber dann ist es geschafft und ich bin doch ein wenig stolz auf mich. Puh!
Jetzt heißt es, zusätzlich noch 3-4 Liter Flüssigkeit über den Tag verteilt zu mir zu nehmen, damit mein Blut besser fließt. Das scheint mir fast die schwierigere Aufgabe, denn oft vergesse ich, mir nebenher mal ein Glas Wasser einzuschenken.
Das war's dann erst einmal - in knapp 11 Stunden geht es weiter!
Nachdem ich gestern abend um 21:30 Uhr von der Arbeit zu Hause war, blieb mir eine halbe Stunde Zeit, es mir in Jogginghose und T-Shirt gemütlich zu machen, um mir um 22:00 Uhr die zweite Spritze zu geben. Irgendwie ist die Atmosphäre zu Hause auf der Couch, bei gedämpftem Licht und leise dahinplätschernden TV-Geräuschen doch etwas angenehmer, als in einer arg steril wirkenden Büro-Toilette, habe ich festgestellt. Nur meine "Assistentin" Steffi hat gefehlt - aber die darf dann ja am morgigen Freitag noch einmal ans Werk. Bis dann!
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Tag 2
Heute morgen um 10:00 Uhr ist es wieder soweit - die dritte Spritze folgt. Meine Lieblingskollegin Steffi mixt in gewohnt professioneller Manier das Mittelchen zusammen, spritzen darf ich wieder selbst. Und treffe prompt ein Blutgefäß und muß zum zweiten Versuch ansetzen. Normalerweise habe ich keine Probleme damit, Blut zu sehen, aber heute wird mir selbst von dem kleinen, roten Minitropfen auf meinem Bauch grottenschlecht. Ich Mädchen! *lach* Inzwischen spüre ich auch die ersten Nebenwirkungen: mein Rücken und meine Kniegelenke schmerzen leicht und ich fühle mich insgesamt wie nach drei Tagen Dauersport - meine Knochen sind wie Blei. Ansonsten geht es mir aber gut und ich schaue jetzt, dass ich meinen letzten Arbeitstag in meiner alten Firma noch gut über die Bühne bringe. Dazu an anderer Stelle mehr.
Schöne Grüße,
Michelle
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Tag 3
Es ist Samstag nachmittag. Und ich dümpele irgendwo zwischen Couch und Computer hin und her. Habe mich nur zum Einkaufen heute morgen kurz aus dem Haus bequemt, ansonsten mag ich mich einfach nicht bewegen. Mein Rücken und die Gelenke schmerzen, die Übelkeit hat sich zum Glück heute vormittag schon wieder gelegt. Hunger habe ich keinen großen, allerdings werde ich nachher mal den Grill auspacken und mir mit meinem Lieblingskommissar ein Steak reinfahren und die Eröffnung der Europameisterschaft anschauen. Und die Spritze? Irgendwie muss ich heute morgen um 10:00 Uhr etwas verpeilt gewesen sein oder wollte die Sache schnellstmöglich hinter mich bringen, denn ich habe vergessen, vor Einstich die Restluft aus der Kanüle zu pressen und habe mir die Spritze sofort in den Bauch gejagt. Ist mir erst hinterher ein- bzw. aufgefallen, aber an einem kleinen, injizierten Luftbläschen ist noch keiner gestorben. Hoffe ich jedenfalls. Fünf Einstiche zieren nun meinen Unterbauch, ziemlich akkurat auf einer Linie angeordnet von rechts nach links oder umgekehrt. Und nur einer davon hat sich inzwischen leicht bläulich verfärbt, dort wo ich gestern das kleine Blutgefäß getroffen habe. Im Eintracht-Forum ist mein Thread zu diesem Thema auf reges Interesse gestossen, worüber ich mich freue, denn ich hoffe, mehr Menschen informieren und bewegen zu können, ihr Blut für die DKMS typisieren zu lassen. Einen weiteren Schritt habe ich heute ausserdem getan, indem ich die DKMS direkt angeschrieben und um Informationen gebeten habe, wie man selbst eine Typisierungsaktion angeht und auf die Beine stellt. Ich hoffe, auch hier einen Stein ins Rollen gebracht zu haben.
Morgen dann wieder mehr von mir ... die Couch ruft!
Eure Michelle
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Tag 4
Sonntag und Tag 4 der Spritzenkur. Ich habe das Gefühl, besonders im Beckenbereich bei mir wirkt das Mittel heftig. Ich kam heute morgen kaum aus dem Bett und habe das mit dem Luft aus der Spritze ziehen fast schon zum zweiten Mal verpeilt. Gut gestochen habe ich auch wieder nicht und fürchte, ich werde wohl einen weiteren blauen Fleck am Bauch bekommen. Ob ich mich so heute ins Schwimmbad trauen soll? Das Wetter ist so toll, aber ich fühle mich wie erschlagen und habe zusätzlich nun auch leichte Kopfschmerzen bekommen. Also werde ich es heute hier kurz halten, den PC ausschalten und versuchen, den letzten Tag noch irgendwie gut über die Bühne zu bringen, bevor es morgen Richtung Frankfurt geht - dann ist es endlich so weit.
Bis dahin,
Michelle
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Tag 5
Heute ist Montag - mein Spendetag! Ich lasse mich um 06:00 Uhr wecken und setze mir die letzte Spritze. Hoffentlich habe ich inzwischen genug Stammzellen produziert. Die beste Freundin von Welt, meine liebe Maxi, ist dann so lieb und fährt mich zum Rot-Kreuz-Zentrum in Frankfurt. Hier gibt es eine spezielle Abteilung, in der die Stammzellenteilung vorgenommen wird. Nach der Aufnahme geht auch alles recht schnell. Schon liege ich im Bett und mache es mir bequem. Mir vergeht es allerdings dann erst einmal, als die Ärztin die Vene in meiner rechten Armbeuge "zerstört", ein wenig flucht und murmelt, so etwas wäre ihr schon seit Jahren nicht mehr untergekommen. Prompt habe ich einen dicken Verband um die rechte Armbeuge und man macht sich am linken Arm zu schaffen. Ein erleichtertes "ah" folgt und man widmet sich danach dem rechten Handgelenk. Fiese Stelle, um eine Kanüle zu setzen, muss ich zugeben! Nachdem ich also von rechts nach links verkabelt bin, fängt die Maschine an zu laufen. Innerhalb von 273 Minuten wird mein Blut drei Mal durch meinen Körper gepumpt, um nicht nur die Stammzellen zu filtern, nein, auch mein Blutplasma wird in einem Beutel aufgefangen und gesammelt. Die ganze Zeit über muss ich mit der linken Hand einen kleinen Gummiball pressen, da sonst das Blut nicht gut läuft und die Maschine Warnsignale von sich gibt. An Schlaf ist also nicht wirklich zu denken. Und jedes Mal wenn ich kurz vor'm Wegdösen bin, schrecke ich doch wieder hoch und knete auf dem Ball herum. Nach ca. zwei Stunden fange ich an, meinen Rücken zu spüren. Und nach einer weiteren Stunde kann ich einfach nicht mehr liegen. Aber wohin mit mir? Gefesselt an mehrere Kabel, der linke Arm komplett bewegungsunfähig, der rechte ebenso, kann ich mich weder aufsetzen, geschweige denn die blöde Stelle im Gesicht kratzen, die ausgerechnet jetzt anfängt zu jucken. Aber irgendwann läuft der Countdown ... die letzten Minuten vergehen und so langsam wie ich an die Maschine verkabelt wurde, so schnell werde ich nun wieder entkabelt und bin danach nun dreifach bandagiert. Im Aufenthaltsraum sitzen wir mit einem Paar zusammen. Die Frau von nebenan muss morgen noch einmal zum Spenden kommen, worauf sie allerdings schon vorbereitet wurde. Ich hoffe immer noch, dass ich es für dieses Mal überstanden habe. Doch als ich die Ärztin auf mich zukommen sehe, mit zwei Packungen Spritzen in der Hand, ahne ich bereits, was mir blüht. Die Tests meiner Stammzellenfilterung haben ergeben, dass die Menge für heute nicht ausreicht. Sprich, ich muss am morgigen Dienstag noch einmal antreten und einen zweiten Versuch wagen. Mir steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Ich fühle mich geknickt und irgendwie auch nutzlos. Warum hat es heute nicht gereicht? Es beruhigt mich aber zu sehen, dass ich nicht die Einzige bin, die morgen noch einmal antanzen muss - ein anderer Spender bekommt die gleiche Hiobsbotschaft wie ich und sieht ähnlich bedrückt aus. Nun ja, aber wie heißt es so schön? Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und nun hoffe ich, dass morgen alles gutgeht. Sei es das erneute Spritzen, das Verlegen der Kanülen und Kabel und die Menge meiner Stammzellen.
Ich werde mich jetzt wieder in die Aufrechte begeben. Mein Rücken schmerzt vom Liegen und ich versuche, durch langsames Gehen und Dehnen etwas Abhilfe zu schaffen.
Bitte drückt alle die Daumen, dass der zweite Tag ein positives Ergebnis bringt! Ich wünsche es mir so sehr - für meinen Patienten, der inzwischen auf die Transplantation meiner Stammzellen vorbereitet ist und genauso sehr oder noch mehr hofft wie ich selbst. 1000 Dank!!!
Bis morgen,
Michelle
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Tag 6
Ich habe es geschafft und auch Tag 2 der eigentlichen Stammzellenspende hinter mich gebracht:
Das Setzen der Nadeln geht heute erstaunlich gut, allerdings habe ich im linken Arm durchgängig ein etwas unangenehmes Gefühl. Durchgängig heißt, dass ich heute wieder satte 274 Minuten (ca. 4 1/2 Std.) an die Maschine muss. Die Zeit vergeht jedoch heute recht schnell, ich schaue mir zwei DVD's an, unterhalte mich mit meiner Bettnachbarin und ihrem Freund und gegen Ende kommt auch noch mein Vater, der mich im Krankenhaus abholt. Leider bekomme ich an diesem Nachmittag kein Ergebnis mehr, ob die heutige Stammzellenspende gereicht hat. Ich weiß nur, dass ich kein 3. Mal zum Spenden gehen werde. Das was jetzt da ist, wird für den Patienten verwendet. Schon gestern abend habe ich mir darüber Gedanken gemacht und auf einmal bin ich doch ziemlich bedrückt über das, was passieren kann, wenn ich zu wenig Stammzellen spenden konnte oder der Körper des Patienten sie nicht annimmt. Ich habe große Angst vor einer negativen Nachricht. Davor, dass ich für einen kurzen Moment Hoffnung schenken durfte, aber dieser Hoffnungsschimmer wieder verlicht. Diese Frage wird mich wohl so lange begleiten, bis ich Gewissheit habe, ob es gut gegangen ist. Oder eben nicht. Ich wünsche dem Patienten, dass alles positiv verlaufen wird und er seine Krankheit besiegen kann. Mehr kann ich nicht mehr tun.
Das war's erst einmal für den Moment. Ich fühle mich sehr schlapp, in körperlicher wie auch phsyschicher Hinsicht. Das Ganze hat mich doch ziemlich mitgenommen und noch immer denke ich viel über die letzten Tage und ihre eventuellen Auswirkungen nach. Werde versuchen, deshalb in den kommenden Tagen ein wenig Ruhe zu finden.
Danke an Alle, die bis hierher fest ihre Daumen gedrückt und mir gute Wünsche gesendet haben. Es hat gut getan, meine Gedanken und auch gewisse Ängste und Sorgen teilen zu können, sowie weiter das Interesse an einem sehr wichtigen Thema zu wecken.
Michelle
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16.06.2008
Ich erhalte einen Anruf der DKMS, die sich nach meinem Befinden und dem Ablauf der Stammzellenspende erkundigt. Und nun erfahre ich doch, für wen ich gespendet habe: Einen 41jährigen Mann aus Deutschland. Seinen Namen erfahre ich nicht, aber in 4-5 Monaten wird es eine erste Einschätzung geben können, ob sein Körper meine Stammzellen angenommen hat und seine Genesung fortschreitet. Ich hoffe weiter. |